Keine Politik in Zermatt: «Schreib mal was Schönes!»

211103 SZ Lei Zermatt
von Hermann Lei, Kantonsrat, Frauenfeld

Meine Frau fand, ich sollte doch den Schweizerzeit-Lesern auch mal etwas Schönes zumuten. In meinem Artikel kommt daher nur am Schluss etwas Politik vor.

Ich war spät dran und fragte meine Frau auf dem Weg in die Ferien, ob sie mir eine Schreibidee hätte. «Schreib doch mal was Schönes!», meinte sie. «Zum Beispiel über Zermatt.» Wie immer hatte meine beste Ehefrau von allen Recht. Das Leben, die Schweiz, die Welt sind unhaltbar geworden. Mal was Schönes «mags drum liide»:
Schon die Fahrt hierhin war ein Erlebnis gewesen. Auf der Furkapassstrasse war 1964 eine Szene für den James Bond-Film «Goldfinger» gedreht worden. Im Mittelpunkt stand eine weit ausladende Kurve auf der Urner Seite des Furkapasses, die heute «James Bond-Goldfingerkurve» genannt wird. Genau vor uns fuhr nun ein Auto, das aussah, als würde Sean Connery drin sitzen.

Zermatt soll früher Praborgne genannt worden sein, denn die Sprache von Zermatt war bis ins 11./12. Jahrhundert frankoprovenzalisch, eine in der Schweiz sehr selten gewordene Sprache, welche man noch im «benachbarten» Evolène hören kann. Heute ist Zermatt der südlichste Ort des geschlossenen deutschen Sprachraumes. Bis zum Beginn der «Kleinen Eiszeit» um ca. 1400 war das Begehen heute vergletscherter Passübergänge im Sommer relativ einfach möglich und so konnten die Zermatter ihre deutschsprachigen Verwandten in den Walser Südtälern besuchen. Ein bescheidener Fremdenbesuch setzte um 1820 ein aber erst nach der Erstbesteigung des Matterhorns 1865 durch den Engländer Edward Whymper entwickelte sich Zermatt stark. Lohnenswert ist ein Besuch auf dem kleinen Bergsteigerfriedhof, wo unter andrem Vater und Sohn Peter und Peter Taugwalder, die Bergführer des Erstbesteigers des Matterhorns, begraben liegen.
Obwohl Zermatt schon längst kein Bergdorf mehr ist, sondern eine pulsierende Bergstadt, wirkt es gemütlich. Das hat viel damit zu tun, dass die Strassen von Zermatt für den privaten Autoverkehr seit 1931 gesperrt sind. Die umliegenden hohen Berge sind zwar alpentypisch vom Skitourismus verschandelt und im Sommer ebenso typisch zu einer Art Disneyland umfunktioniert worden. Aber sie sind immer noch gewaltig schön und schon nach kurzer Wanderung gelangt man zu schönen kleinen Dörfern, wie zum Beispiel Zmutt, einer der ursprünglichsten und ältesten Siedlungen des Alpenraumes.

Und wer nach den Wanderungen hungrig geworden ist, der kann in der vorzüglichen «Walliserkanne» im Zentrum einkehren. Der Wirt dort lebt den Freiheitswillen der Zermatter und weigert sich standhaft, Bersets Corona-Massnahmen umzusetzen: «Wie respektieren ALLE Menschen, auch OHNE Zertifikat» steht vor seinem gutbesuchten Restaurant.
Jetzt bin ich doch noch ein wenig politisch geworden….

Hermann Lei