9.6.19 SRF-Kuschelinterview mit Gregor Gysi «Also musst Du schiessen!»

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von Hermann Lei, Kantonsrat, Frauenfeld

 

Das Staatsradio feiert den Nachfolger von DDR-Honecker als «auf der Seite aller Schwachen und Benachteiligten». Kritische Fragen an den Ex-Chef der Partei, die den Schiessbefehl auf eigene Bürger gab, fehlen gänzlich.

 

«Er ist einer der profiliertesten Linken-Politiker in Europa. Und er warnt vor der Zerstörung der Europäischen Union durch Rechtspopulisten.» So preist SRF Gregor Gysi als Gast von Iwan Lieberherr im «Tagesgespräch» am 17.4.2019.

Nachfolger Honeckers

Wer ist dieser «profilierte Linke»? Gregor Gysi war seit seinem 20. Lebensjahr Mitglied der SED, der  Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Die marxistisch-leninistische SED übte in der DDR eine diktatorische Ein-Parteien-Herrschaft aus. Die Bürger wurden flächenmässig bespitzelt, Kritiker eingekerkert und ihnen die Kinder weggenommen und an der Grenze wurde auf Bürger, die aus der Diktatur flüchten wollte, geschossen. In diesem Staat machte DDR-Anwalt Gysi parteiintern Karriere. Auf dem Sonderparteitag am 9. Dezember 1989 – kurz vor dem Untergang des Regimes – wurde Gysi mit 95,3 Prozent der Delegiertenstimmen zum Vorsitzenden der SED-Staatspartei gewählt.

 

Stasi-Mitarbeiter?

Davon erfährt der Hörer unseres Staatsradios allerdings nichts. Keine einzige Frage bezieht sich auf Gysis Rolle als letzter SED-Vorsitzender. Keine Frage muss sich Gysi auch zu seiner angeblichen Mitarbeit beim Ministerium für Staatsicherheit, genannt Stasi, gefallen lassen. Laut Abschlussbericht des Immunitätsausschusses des Deutschen Bundestages soll Gysi aber zwischen 1975 und 1986 für die Geheimpolizei, welche für die SED einen personalstarken Überwachungs– und Repressionsapparat betrieb, unter verschiedenen Decknamen gearbeitet haben. Gysi bestritt das. Später wurde ihm vorgeworfen, er sei aktiv an der Verschleierung des SED-Parteienvermögens beteiligt gewesen und habe versucht, mit Hilfe der KPdSU SED-Gelder ins Ausland zu verschieben, um sie vor dem Zugriff staatlicher Stellen zu sichern.

Groteske Geschichtsklitterung

Das ist alles kein Thema. Im Gegenteil. Der bekannteste Angehörige der SED-Nachfolgerin darf über die  Lage seiner Partei jammern. Gysi wird vom Staatsradio sogar als eine Art Widerstandskämpfer dargestellt, der in der DDR «Oppositionelle verteidigte». Angesichts dessen, dass Gysi der letzte Chef der DDR-Staatspartei war, ist das eine groteske Geschichtsklitterung. Und auch wie er «Oppositionelle verteidigte» hätte die eine oder andere kritische Frage verdient. Denn Gysi wurde im Abschlussbericht des Bundestagsausschusses vorgeworfen, er habe seine Stellung als Anwalt von Oppositionellen in der DDR genutzt, um «die politische Ordnung der DDR vor seinen Mandanten zu schützen.» Dafür habe er mit der Stasi zusammengearbeitet. «Das Ziel dieser Tätigkeit unter Einbindung von Dr. Gysi war die möglichst wirksame Unterdrückung der demokratischen Opposition in der DDR.»

Der mauergeschädigte Gysi

Doch Gysi muss keine solchen Fragen fürchten und darf stattdessen über Rechtspopulisten faseln, die Mauern zur Abschottung bauen würden. Die Flüchtlinge aber wollten diese Mauern überwinden. «Also musst Du schiessen.», sagt Gysi, der letzte Chef der Mauerpartei, die den Schiessbefehl gegen eigene Bürger zu verantworten hat. «Nee, wirklich, ich komme aus Berlin, ich bin mauergeschädigt genug.» darf Gysi seine Vergangenheit schönreden. Selbst jetzt fällt dem Genossen vom Staatsradio nichts ein als ein Zitat, das in dem Zusammenhang nicht falscher sein könnte: «Ein Linker steht auf der Seite aller Schwachen und Benachteiligten».

Und das Kuschelinterview läuft aus mit der bewundernden Aussage des SRF-Interviewers: «Sie brauchten starke Schultern!»

Hermann Lei