
9.2.2026 Trump, Grönland und ein Stück eigene Vergangenheit
Erfahrungen vor Ort
von Hermann Lei, Kantonsrat, Frauenfeld
Trump meint es ernst, als geopolitisches Projekt. In Davos liess er dieser Tage sinngemäss ausrichten, es gebe „kein Zurück“ – doch wem gehört Grönland?
Ich war als Student ein paar Wochen dort. In Ostgrönland, in der „Hauptstadt“ Ammassalik und in den umliegenden Dörfern. Das ist lange her. Aber vielleicht interessiert es die Leser gerade jetzt, weil das Thema plötzlich auf den Titelseiten steht.
Damals sagte man noch Eskimo
Ich arbeitete ein paar Wochen dort und führte unter anderem eine englische Reisegruppe durch Ostgrönland, per Boot, durch die Eisfjorde zu einsamen kleinen Dörfern und mit Wanderungen zu gewaltigen Gletschern. Zwei Grönländer – damals sagte man noch „Eskimos“ – waren meine Hilfspersonen. Jäger. Männer vom Meer. Wir fuhren mit dem Boot durchs Eiswasser.
Schüsse und Walmenü
Und immer, wenn sie etwas Essbares sahen, waren sie nicht mehr zu halten: Lachse fischen, oder – zum Entsetzen meiner Gäste – eine kleine Robbe schiessen. Die Grönländer waren herzlich, loyal und hilfsbereit. Eines Nachts pfiffen Schüsse um mein Zelt, Freudenschüsse, denn die Jäger hatten einen Wal erlegt. Das ganze Dorf zerteilte den Wal nach Anweisung des Dorfältesten, die Walhaut assen wir roh. Am nächsten Tag gab es bei der Familie eines meiner Jäger ein Walmenü.
Dänemark nicht beliebt
Aber es gab die andere Seite: soziale Probleme, Arbeitslosigkeit, Alkohol. Viele hingen am dänischen Staat, etwa über Posten bei der Post oder in der Verwaltung. Freitag war Zahltag und der wurde allzu oft sogleich in Bier umgesetzt. Da die Grönländer das nicht vertrugen war ab dem frühen Nachmittag ein Teil des Dorfes völlig weggetreten und es wurde gefährlich. Dänemark war nicht sonderlich beliebt, die Kolonialherren hatten die Grönländer schlecht behandelt und immer noch waren die guten Stellen mit Dänen besetzt. Dänisch war Amtssprache und die Almosen an die Bevölkerung finanzierte man sich durch Bereicherung an den Fischgründen. Grönland trat später aus der damaligen Europäischen Gemeinschaft aus – ein Sonderfall, aber bezeichnend: Man wollte Distanz zu supranationalen Strukturen und Kontrolle über die eigenen Ressourcen.
Neutrales Grönland als Chance
Und damit sind wir bei Trump. Grönland ist nicht nur ein Stück Eis, wie er es nannte. Er weiss ganz genau: Es geht um Geostrategie, um den arktischen Korridor, um Rohstoffe, um Überwachung und Frühwarnsysteme. Die USA sind militärisch längst dort präsent: Pituffik (früher Thule) ist eine operative US-Basis in Grönland, strategisch für Raketenwarnung und Arktik-Logistik. Geografisch und kulturell ist Grönland näher an Amerika als an Kopenhagen. In Nordamerika leben ebenfalls Inuit. Dass Grönland staatsrechtlich am dänischen Königshaus klebt, wirkt wie ein Anachronismus. Der saubere Weg wäre deshalb: Dänemark entlässt Grönland in die Selbständigkeit. Mit klarer Neutralität, aber mit vertraglich geregelten US-Basen.
Wenige Menschen, riesige Fläche, hohe Kosten
Ob die Grönländer in der Lage wären, einen eigenen Staat zu bilden weiss ich nicht. Damals waren sie es nicht. Die Probleme sind noch die gleichen: wenige Menschen, riesige Fläche, hohe Kosten. Ich würde es den liebenswerten Grönländern gönnen, wenn es ihnen dank Trump gelänge, selbständig, frei und unabhängig zu werden.
Hermann Lei