6.8.18 O.J. Simpson: Schwarz und Weiss

Schweizerzeit Nr 14-2018 def

Ein Doppelmord zeigte die Politisierung der Justiz  

 

von Hermann Lei, Kantonsrat, Frauenfeld

 

Der Mord an O.J. Simpsons Ex-Frau jährt sich bald zum 25. Mal. Der Prozess gegen den schwarzen Ex-Mann und Superstar war von der Rassenfrage geprägt.

 

  1. J. Simpson war ein sehr bekannter schwarzer US-amerikanischer Football-Star und Schauspieler. 1985 heiratete er eine blonde Schönheit namens Nicole Brown. Die Ehe war von Übergriffen und Gewalt geprägt und Nicole liess sich 1992 von dem schwarzen Superstar scheiden.

Hund mit blutverschmierten Pfoten

1994 winselte am Abend des 12. Juni  ein verstörter Hund mit blutverschmierten Pfoten im Garten von Simpsons Ex-Frau. Vor dem Gebäude bemerkten alarmierte Polizeibeamte eine meterlange Blutspur. Sie führte zu einer Frauenleiche mit mehreren Messerstichen im Gesicht und einem tiefen Schnitt am Hals. Kurze Zeit später entdeckten die Polizisten eine zweite Leiche, die ebenfalls mit Stichen übersät war. Der Verdacht fiel sofort auf Ex-Mann Simpson. Als nach einigen Tagen ein Haftbefehl gegen ihn ausgestellt wurde floh Simpson mit seinem weissen Ford Bronco. Die Verfolgungsjagd quer durch Beverly Hills wurde live im TV übertragen, auf den Autobahnbrücken standen schwarze Fans und jubelten dem Flüchtenden zu. Simpson kehrte nach langer Flucht zu seinem Anwesen zurück und liess sich festnehmen. Im Prozess, der ebenfalls live vom US-amerikanischen Fernsehen übertragen wurde, schienen die Beweise absolut erdrückend: Eine Blutspur der Opfer führte zu Simpson, der kein Alibi hatte, dafür frische Schnittverletzungen an seiner Hand sowie eine lange Geschichte von häuslicher Gewalt. Dazu verhedderte er sich immer wieder in unerklärliche Widersprüche. Und dass er nach dem Mord mit künstlichem Ziegenbart, Bargeld und Pass geflüchtet war, half ihm auch nicht. Die Sache schien glasklar.

Schwarze Jury, weisse Verschwörung

Doch der Prozess gegen Simpson fand von Beginn an in einer von der Rassenfrage geprägten Atmosphäre statt und Simpsons gerissene Anwälte spielten die Rassenkarte denn auch ungehemmt aus. Der Chef von Simpsons Anwaltsteam, ein schwarzer Bürgerrechtsanwalt, sorgte dafür, dass der Prozess nach Downtown LA verlegt wurde, wo der Anteil der Schwarzen viel höher war, sodass in der Jury schliesslich neun Schwarze, ein Latino, ein Asiate und nur eine weiss Frau sassen. Simpson sei Opfer einer weissen Verschwörung, war die Theorie der Verteidigung. Die – weiss dominierte – Polizei habe nie ernsthaft nach einem anderen Täter gesucht, sondern Simpson aus rassistischen Gründen vorverurteilt, sowie Beweise und Aussagen manipuliert. Die Mitglieder der Jury schienen für solche Theorien empfänglich zu sein, vielleicht fürchteten sie aber auch die Rache der schwarzen Gemeinschaft. Ich selber war damals längere Zeit in den USA und konnte sehen, wie ungemein stark der Prozess die Menschen bewegte. Denn das acht Monate dauernde Gerichtsspektakel wurde erstmals weltweit live übertragen und vor dem Gerichtssaal standen wütende schwarze Simpson-Anhänger und reckten die Fäuste gen Himmel.

Der blutige Handschuh

Zu einem entscheidenden Moment wurde aber die Handschuh-Demonstration: Simpson musste die blutgetränkten Mörder-Handschuhe anziehen. Als ihm dies nur mit grösseren Schwierigkeiten gelang triumphierte die Verteidigung: Der Handschuh passt nicht, also kann Simpson nicht der Mörder sein. Am 3. Oktober 1995 sprachen ihn die Geschworenen jedenfalls trotz ansonsten erdrückender Beweislast frei. Die Schwarzen feierten seinen Freispruch als Sieg, gewissermassen als ausgleichende Gerechtigkeit, nachdem ein paar Jahre zuvor die Polizisten, welche den schwarzen Kleinkriminellen Rodney King brutal verprügelt hatten, von einer weissen Jury freigesprochen worden waren.

Noch heute sind wir bestürzt, wenn wir sehen, dass die Justiz verpolitisiert ist. Wenn uns die Geschichte von O.J. Simpson aber eines zeigt, dann dass Justiz und Gerechtigkeit weder Gotteswerk sind noch Mathematik. Sondern von Menschen gemacht und so willkürlich wie Menschen eben sind.

Hermann Lei