31.8.2020 Vorsicht Falle

200831 SZ Lei Vorsicht Falle

von Hermann Lei, Kantonsrat, Frauenfeld

 

Wollen Sie Ihr Geld verlieren? Dann lesen Sie die folgende Schilderung von vier Fällen, die der Schweizerzeit zugetragen wurden, bitte nicht.

 

Die Stimme, welche in leicht gebrochenem Deutsch freudig «Hallo Lotti!» sagt kennt Lotti P.* nicht. «Erkennst Du mich nicht?» entgegnet der Anrufer leicht enttäuscht «Rate doch mal, wer ich bin …».

 

Telefonbetrüger

Lotti zermartert sich das Gehirn und fragt dann: «Bist Du Ricardo, der Schwager meiner Nichte?» – «Genau.» sagt der Mann, der natürlich nicht Ricardo ist und auch nicht der Schwager von Lottis Nichte, sondern ein Mitglied einer Betrügerbande, die im Rahmen der Personenfreizügigkeit in die Schweiz eingewandert ist. «Ricardo» erschleicht sich in den kommenden Tagen das Vertrauen der nicht mehr ganz fitten Seniorin, appelliert geschickt an ihre Hilfsbereitschaft und schafft es so, dass sie – um Ricardos Familie aus einer angeblichen kurzfristigen Geldnot herauszuhelfen – einen sechsstelligen Betrag abhebt und einer Kontaktperson übergibt. Das Ersparte ist damit weg.

 

Der Geldkoffer

Vera K. wiederum hat sich mit einer Kollegin ein kleines Geschäft aufgebaut, das die beiden nun altershalber verkaufen wollen. Das deutlich beste Kaufangebot kommt aus dem Ausland. Zum Beweis, dass das Geld bereits parat liegt, senden die «Käufer», mit denen rege per Mail und WhatsApp kommuniziert wird, ein Video, auf dem zu sehen ist, wie für Vera K. das Geld des «Investment-Fonds» gezählt wird. Es werde, schreiben die Betrüger, «nach Eingang der Provision für den Banker in Höhe von 10% in Bitcoin» überwiesen. Leider merken Vera und ihre Kollegin lange nicht, dass sie dem oft von Hintermännern in Norditalien inszenierten Vorschussbetrug aufgesessen sind. Immer wieder schicken sie Geld – bis alles weg ist.

 

«Wie geht es Dir, Honig?»

Auch Rita F. ist Opfer eines Betrügers geworden. Der Mittvierzigerin wird zum Verhängnis, dass sie sich nach einer Partnerschaft sehnt und im Internet die vermeintlich grosse Liebe findet. Der dunkelhäutige «George» ist angeblich ein erfolgreicher Arzt in New York und ebenfalls auf der Suche nach Liebe. In Wirklichkeit heisst der Mann Ochuko, ist Reifenflicker und sitzt in einem Internetcafé in Nigerias Hauptstadt Laos. Seine unzähligen Mails und Chatnachrichten lässt er im Internet übersetzen und so wird aus «How are you, Honey?» eben «Wie geht es Dir, Honig?» Als «George» nach Bümpliz zu Rita fliegen will verunfallt er und so zögert Rita nicht, ihm die Spitalkosten vorzuschiessen weil seine Kreditkarte angeblich ein Raub der Flammen wurde. 15’000 Doller überweist Rita und als George behauptet, das Geld sei nicht angekommen zahlt sie gleich nochmals den Betrag. Die dritte Überweisung an die Sterling Bank Plc in Nigeria storniert Ritas Bank zum Glück.

 

Der falsche Polizist

Der auch schon etwas ältere Pius R. schliesslich wird über mehrere Tage hinweg von einem angeblichen Polizeibeamten angerufen. Man habe in seiner Nähe einen polnischen Kriminaltouristen aufgegriffen. In dessen Besitz habe sich eine Namensliste befunden, welche konkrete Hinweise darauf enthalte, dass bei Pius R. und seiner Frau demnächst  eingebrochen werden sollte. Wegen Überlastung sei es nicht möglich, das Ehepaar zu bewachen. Pius R., sonst nicht gerade überängstlich, ist stark verunsichert. Dies umso mehr als der Polizist Informationen über Pius hat, welche man beim Einbrecher gefunden habe und welche darauf hinweisen würden, dass das Ehepaar schon seit längerem observiert worden sei. In Tat und Wahrheit stammen die Informationen von einer unter Druck gesetzten osteuropäischen Putzfrau im Quartier. Herr R. übergibt «zur Sicherheit» seine Wertsachen einer «Beamtin» in zivil – und wird sie nie wieder sehen.

Also Merke: Wenn es schnell gehen muss oder wenn es zu gut ist, um wahr zu sein – dann ist es nicht wahr.

* alle Namen geändert

Hermann Lei