
22.8.17 Da lachen ja die Hühner
Wenn das Amtshuhn gackert
Da lachen ja die Hühner
von Hermann Lei, Kantonsrat, Frauenfeld
Vor einiger Zeit habe ich mir drei Hühner der Rasse „Schweizerhuhn“ zugelegt. Seither gackert das Amtshuhn.
Unsere Kinder haben eine helle Freude, als ich von einem Besuch bei einem befreundeten Landwirt mit drei kleinen gelben Küken zurückkehre. Es sind Jungtiere der Rasse „Schweizerhuhn“, mit schneeweissem Gefieder und einem hochroten Rosenkamm. Das weisse Schweizerhuhn ist vom Aussterben bedroht, wie wir Eidgenossen auch, und deshalb will ich zum Erhalt der Zweinutzungsrasse beitragen. Und ich freue mich auf eigene Eier.
Pipi, das überlebende Huhn, ist ein „Schweizerhuhn“
Der persönliche Geflügelbetreuer
Im Internetz mache ich mich über die einschlägigen Tierschutzvorschriften kundig. Da gibt es zum Wohl des Huhns eine Menge zu beachten. Vor allem aber muss jegliche Haltung von Geflügel bei einer Koordinationsstelle gemeldet werden. Ich mache also meinen persönlichen Geflügelbetreuer beim Kanton ausfindig, in der Meinung, mit einem Mail sei die Sache erledigt. Ist sie aber nicht, denn im Rahmen der jährlichen kantonalen Datenerhebung werde die Erfassung vom Landwirtschaftsamt durchgeführt mittels Interneterfassung auf der Plattform www.agate.ch, bekomme ich zur Antwort. Ich erhalte eine „Tierhaltungsnummer mit dem Standort Weinfelden“ und ein Login für die nächstjährige Datenerfassung zugestellt. Nun beginnen die Probleme: Meine drei Hühner leben in Frauenfeld und nicht an der vom Hühnerbeamten erfassten Adresse. Im Moment befinden sie sich zudem ferienhalber auf einem Bauernhof. Ich befürchte schon, dass dies irgendwie illegal ist.
Mehrseitige Kurzanleitung
Anfangs des folgenden Jahres erhalte ich dann die erste Aufforderung zur jährlichen „Tier- und Flächendeklaration“. Sofern ich keinen Anspruch auf Direktzahlungen habe müsse ich vor dem Ausfüllen lediglich Kapitel 1-3 des Handbuchs lesen. Diese Kapitel 1-3 sind mir leider ebenso unverständlich, wie die mehrseitige „Kurzanleitung für die Datenerhebung per Internet“. Also logge ich mich einfach mal bei agate ein und versuche mein Glück. Leider ist das Passwort bereits nicht mehr gültig. Nach wochenlangem hin und her klappt es doch noch. Ich ackere mich durch die Angaben, darf sogar meine Bankverbindung angeben, was in mir die falsche Hoffnung weckt, Direktzahlungsempfänger zu werden. Unter „Grösse des Betriebs“ gebe ich aus Versehen 15 Hektaren ein. Was noch ein Nachspiel haben wird.
Auslauf mit Aussenklimabereich
Als ich endlich zum Erfassen meiner drei Hühner komme wird’s verwirrlich: es gibt 15 verschiedene Auswahlmöglichkeiten. Ich entscheide mich für „Konsumeier produzierende Hennen“ und Haltungsform „Auslauf ins Freie“. Zur Sicherheit lese ich noch die 32-seitige „Anleitung zur Interneterfassung 2015“. Aber auch das Kapitel „Ressourceneffizienz“ bringt mich nicht weiter. Schliesslich muss ich angeben, ob ich für das Vorjahr EU-Beiträge erhalten habe? (leider nein). Schliesslich kann ich stolz mein „Betriebsdatenblatt“ ausdrucken.
Die Vergangenheit holt mich ein
Einige Zeit später meldet sich Herr Weiss vom Hochbauamt Frauenfeld. Er habe bemerkt, dass mein Betrieb eine Grösse von 15 Hektaren habe. Da ich mitten in der Stadt wohne sei er zum Schluss gekommen, dass das in der Nähe gelegene Anwesen „Guggenhürli“ mir gehöre. Das sei nun so registriert. Ich erkläre Herrn Weiss, dass das schlossartige Gut mit Rebberg leider keineswegs mein Eigentum sei und die 15 Hektaren seien ein Versehen gewesen. Herr Weiss beharrt. Ich sage, ich würde ihn zum Eröffnungsapéro einladen, falls er es tatsächlich schaffe, dass das Schloss meine Hühnerfarm werde. Er schaue, was sich machen lasse, meint er.
Glückliche Beamte, glückliche Hühner
Bis heute gehört mir das Guggenhürli nicht. Eines der Hühner entwickelte sich zum Hahn und musste in ein weniger lärmsensitives Umfeld ziehen. Nach wie vor fülle ich jedes Jahr alle Formulare für meine Hennen aus. Und ich freue mich, dass ich in einem Land leben darf, in dem jedes einzelne Huhn erfasst wird.
Hermann Lei