
22.1.19 Relotius und die Märchenpresse
Selbsterfüllende Lügengebäude
von Hermann Lei, Kantonsrat, Frauenfeld
Journalist Relotius schrieb nach dem Gusto der Mächtigen, er war ein Hohepriester der politischen Korrektheit. Dafür wurde er mit Medienpreisen überhäuft.
Relotius lieferte, was die Mächtigen lesen wollten, in Deutschland war er die Migrationsmärchentante schlechthin. In «Königskinder» fabulierte er über arme syrische Waisenkinder, die von Angela Merkel träumen – die eingehenden Spenden steckte er dann allerdings selber ein (Nachtrag vom 22.1.19: gemäss Presseberichten habe Relotius angegeben, die Spenden weitergespendet zu haben). Ging es um «Flüchtlinge» gab es nur Lobeshymnen: «Sie sind Beraterinnen und Künstler, Publizistinnen und Politiker (…), gründen Vereine, engagieren sich in Parteien». Die Familie der Muatis, aus Syrien geflüchtet, steht symbolisch für solch kafkaeske Überhöhung: «Sie lieben Regeln, Regen, Rasenmähen. Sie möchten deutscher sein als viele Deutsche.» Der Vater reiht ein unbezahltes Praktikum ans andere, an vier Tagen geht er pro Woche zum Sprachkurs und schaut deutsche Kochsendungen. Natürlich steht er jeden Morgen um 6 auf und macht Frühstück für seine Frau und seine Kinder, denn er «will Deutschland etwas zurückgeben». Wäre die Familie Muati bei der AfD, sie würde aus jedem Kino vertrieben, so deutsch ist sie.
Urbane Legende der Geldfinder-Flüchtlinge
Oder da ist Abdulla, natürlich «Installateur für Elektrotechnik». In seiner Heimat hat er hart gearbeitet und seine eigene kleine Firma aufgearbeitet. Obwohl bitterarm gibt er 1000.- gefundene Euro sofort ab und verzichtet auf Finderlohn, denn «Da, wo er herkomme, sagt er, sei man nicht ehrlich, um eine Belohnung zu bekommen, sondern um ein guter und gerechter Mensch zu sein.» Ob Relotius – der sogar gefälschte Webseiten aufgeschaltet hatte, um seine Lügen zu stützen – auch diese Geschichte selbst inszeniert hat, ist unklar. Jedenfalls hat er damit eine urbane Legende geschaffen, die seither in immer neuen Varianten durch die Medien geistert: «Tugendhafter Flüchtling findet Geld».
«Mexicans Keep Out»-Schild
Zu den Bösen des werteorientierten Journalismus gehören «die bigotten Abtrennungsgegner von Mississippi» oder die Bürger von «In einer kleinen Stadt» namens Fergus Falls in Minnesota, an deren Ortseingang angeblich ein Schild «Mexicans Keep Out» steht. Weil dort die «Menschen, die Donald Trump gut finden» leben. «Trump wird allen in den Arsch treten» kläffen dann die Hinterwäldler und natürlich ist im örtlichen Kleinkino der Kriegsfilm mit Clint Eastwood ständig ausverkauft, derweil der anspruchsvollen Film daneben floppt. Alles Fake.
Ohne Schuhe und ohne Wasser durch die Wüste
Noch klischeehafter sind die Bösen in «Jaegers Grenze»: «Einer nennt sich Pain, Schmerz, raucht Zigarre und sagt, er wolle den Teufeln, die auf Amerika zuliefen, in den Arsch treten, genau wie Donald Trump. Einer heisst Luger, so wie die Pistole». Pain und Luger stehen an Amerikas Grenze, die Finger am Abzug ihrer Waffen. Sie jagen Männer aus Guatemala durch die Dunkelheit, bis diese zusammenbrechen oder lassen arme Frauen aus Mexiko nächtelang in den Bergen frieren, bevor sie sie der Grenzpolizei übergeben. Nicht einmal beim Teenager aus El Salvador kennen sie Gnade. Sie lassen «den Jungen zur Strafe einfach wieder zurücklaufen, ohne Schuhe und ohne Wasser durch die Wüste.» Alles Fake.
Der deutsche Versager
In der Welt des werteorientierten Journalismus sind konservative Menschen entweder Idioten, Sadisten – oder dann unbrauchbare Waschlappen. Da ist z.B. Enrico P., der in Bad Segeberg eine rechte Demo veranstalten will. Dass dies nicht klappen wird, sieht man bereits an seiner Vita. Rechts ist er, seit ihn seine türkische Freundin verlassen hat, seither geht es abwärts: «Enrico begann zu trinken, liess sich auf kriminelle Geschäfte ein.» Nicht einmal zwei Demonstranten kann der unbrauchbare Enrico organisieren und deshalb ahnt er, «dass er verloren hatte.» Und vor rechten Untaten, die nie stattfanden warnte bei Relotius eine Nazi-Widerstandskämpferin mit eindringlichen Worten – die sie nie gesagt hatte. So perpetuiert sich ein sich selbst erfüllendes Lügengebäude.
Zweck der preisgekrönten Lügengeschichten war es, Kritiker der Lächerlichkeit preiszugeben. Dass sich das inskünftig ändert ist nicht zu erwarten: Als die künftige Chefin der SRF-Sender kurz vor dem Auffliegen des Skandals erklärte, ihre Sender sollten in Zukunft auf Meinungsjournalismus verzichten und stattdessen informieren ging ein Journalisten-Sturm der Entrüstung über sie nieder.
Hermann Lei