
2.8.19 In Deutsch-Südwestafrika
Koloniale Spuren unter Afrikas Sonne
190820 SZ Koloniale Spuren in Afrika
von Hermann Lei, Kantonsrat, Frauenfeld
Deutsch-Südwestafrika war von 1884 bis 1915 eine deutsche Kolonie auf dem Gebiet des heutigen Staates Namibia. Noch heute wirkt die kurze Zeit des Schutzgebiets nach.
Das Land war nie dicht bevölkert und verfügte nicht über eine einheitliche Bevölkerung, sondern wurde mehrheitlich von den Herero und Nama bewohnt. Von den schwarzafrikanischen Populationen verdrängt lebten ferner die San, eine genetisch diverse frühe afrikanische und sehr spezielle Population, in den unwirtlichsten Gegenden des Kontinents. Dazu kamen noch die versklavten Damara und die ganz im Norden lebenden ackerbautreibenden Owambo. Die Anfänge der Kolonisation waren mit nur drei Kolonialbeamten bescheiden für ein Land, das anderthalbmal so gross wie das Deutsche Kaiserreich war. Deutsch-Südwestafrika war schliesslich aber die einzige der deutschen Kolonien, in der sich eine nennenswerte Anzahl deutscher Siedler niederliess. Nach nur gerade 31 Jahren Herrschaft, am 9. Juli 1915, kapitulierten die deutschen „Schutztruppen“ vor den Truppen der südafrikanischen Union.
Fachwerk unter afrikanischer Sonne
Auch 100 Jahre später trifft man noch immer auf Zeugnisse der deutschen Kolonialzeit wie Strassennamen und alte Amtsgebäude oder Restaurants und Geschäfte mit deutschen Namen. Etwa 15.000 Deutschsprechende leben heute noch als Farmer oder Geschäftsleute im Land. Viele der großflächigen Farmen, die überwiegend Viehzucht auf dem kargen Weideland betreiben, gehören auch heute noch deutschstämmigen Siedlern. Im Gegensatz zu andern afrikanischen Ländern ist das Zusammenleben weitgehend friedlich. Das war nicht immer so: 1904 rebellierten die Herero, eine der größten Ethnien Südwestafrikas und griffen einzelne Farmen, Eisenbahnlinien und Handelsstationen an. Die deutsche Schutztruppe konnte die Herero nach anfänglichen Schwierigkeiten in der Schlacht am Waterberg entscheidend schlagen und auch einen jahrelangen Kleinkrieg gegen ebenfalls aufständische Nama im Süden blutig gewinnen.
Reparationenzahlungen wie im Falle Israels?
Deutschland bezeichnet die Kriegshandlungen seit 2006 zwar offiziell als Völkermord, Entschädigungszahlungen lehnt die ehemalige Kolonialmacht aber ab. Bundesratspräsident Daniel Günther bedauerte Mitte Juli bei einem Besuch in der ehemaligen Kolonie im Namen Deutschlands den Völkermord an den Herero und Nama. Von einer Entschuldigung aber sprach er nicht. Die namibische Regierung hat wiederholt «Entwicklungshilfe» als Basis ihrer Verhandlungen mit Deutschland bekräftigt. Vertreter der Herero und Nama fordern jedoch Reparationenzahlungen wie im Falle Israels und versuchten, dies mittels einer Klage vor einem US-Gericht durchzusetzen, bislang erfolglos. Die Klage in den USA wirkt einigermassen abstrus. Gutmensch-Deutschland ist aber moralisch erpressbar. Und sollte es gelingen, Deutschland zu direkten Verhandlungen mit Vertretern einzelner Bevölkerungsgruppen und zu Reparationen zu zwingen, können viele weitere Fälle aus der Kolonialzeit akut werden.
Lüderitz-Strasse wird Karuaihe-Street
Derweil erodiert das deutsche Erbe. Der Stadtrat von Windhoek hat soeben die Umbenennung von elf Strassen beschlossen. Darunter befindet sich auch die bereits während der deutschen Kolonialherrschaft benannte Lüderitz-Strasse. Und ein deutsches «zivilgesellschaftliches Bündnis Völkermord verjährt nicht!“ regt an, die vom Bezirk Berlin-Mitte bereits 2018 beschlossene Umbenennung der Berliner Lüderitzstraße, des Nachtigalplatzes und der Petersallee «zu Ehren ermordeter afrikanischer Widerstandskämpfer*innen in Absprache mit der Partnerstadt Windhoek am selben Tag zu vollziehen.» Die «Südwestler», wie sich die wortkargen deutschen Nachfahren der Siedler nennen, haben mit diesem angekränkelten Selbsthass nichts am Hut. Auf ihren Farmen – immer noch bedeutender Wirtschaftszweig und Arbeit und Brot für viele Schwarze – spielen sie abends unter Kuckucksuhren Skat und sorgen sich um die ausbleibenden Regenfälle.
Hermann Lei