19.4.21 Der «Ökoterrorist»

Aus der Reihe: Held der Linken

210419 SZ Lei Camenisch
von Hermann Lei, Kantonsrat, Frauenfeld

Die Linken haben eigenartige Helden. Zum Beispiel den «politischen Gefangenen» Marco Camenisch. Der sass allerdings nicht wegen seiner Politik im Gefängnis, sondern wegen Mord.

In meiner Studienzeit war mir Camenisch ein Begriff: Überall in Zürich lasen wir Sprayereien wie «Freiheit für Marco», vor allem im Umfeld der linken Szene, an Fassaden besetzter Häuser. 2002 und 2003 fanden gar Demos für ihn statt. Camenisch war und ist ein Held der Linken. In der WOZ zum Beispiel finden sich dutzende Artikel. Er sei ein «anarchistischer Öko- und Haftaktivist», der wegen seiner «Gesinnung, sprich befürchteter zukünftiger Taten» in Haft gewesen sei. Als «politischer Gefangener» geniesse er seit Jahrzehnten einen Kultstatus in alternativen Kreisen weit über die Schweiz hinaus. Und im Tagi wird er als Wunderkind dargestellt, «beliebt bei allen, hilfsbereit, reifer als Gleichaltrige».

Diebstahl von 105 Kg Sprengstoff
Wer also ist dieser Marco? Camenisch wächst in Graubünden auf, als Sohn eines Grenzwächters, schmeisst die Matura, zieht schliesslich mit Freundin auf eine Alp. Er zeugt ein Kind und heiratet, doch die Ehe bricht nach kurzer Zeit, seine Tochter wird er jahrzehntelang nicht mehr sehen. Er radikalisiert sich. 1979 stiehlt er aus der Talstation des Skiliftes Scharmoin 105 Kilogramm Sprengstoff Marke Alpinit-Gotthardit 100 und versucht damit einen Hochspannungsmast zu sprengen. Camenisch ruft nach der Tat die Polizei an und teilt mit einem Taschentuch über der Sprechmuschel mit, er habe den Anschlag aus Protest gegen die Verschandelung der Natur verübt.

Korbermeister erschossen
Kurze Zeit später sprengt er einen Beton-Richtstrahlmast und Transformatoren des NOK-Unterwerks Sarelli bei Bad Ragaz. Camenisch wird erwischt, hält es aber in der Strafanstalt noch weniger lang aus als in seiner Ehe, tut sich mit anderen Verbrechern zusammen und flieht. Dabei wird Fritz Jenny, der Korbermeister der Anstalt, erschossen und ein Aufseher verletzt. Gemäss Camenisch war das Opfer nur ein «Söldner des repressiven Staates». Erst im Dezember 1989 taucht Camenisch wieder auf, er will das Grab seines Vaters besuchen. Grenzwächter Kurt Moser, ein junger Familienvater, hat das Pech, den Terroristen zu entdecken. Er wird vom «Ökoaktivisten» ohne zu zögern aus kurzer Distanz mit drei Kugeln niedergestreckt.

Flucht zum fluchthelfenden Pfarrer
Camenisch flüchtet sich nach dem Mord zum Pfarrersehepaar im bündnerischen Brusio. Diese haben vom Mord gehört, ahnen, dass Camenisch der Mörder ist, informieren die Polizei aber nicht, selbst als sie das Haus verlassen. Für diese Fluchthilfe wird das Pfarrerpaar zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Nationalrat Ulrich Schlüer gelangt mit einer Petition an den Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund und verlangt ein «klärendes Wort». Camenischs Finger ist weiterhin schnell am Abzug: Mit derselben Waffe, mit der er den Grenzwächter Moser getötet hat, schiesst er 1991 auf einen italienischen Polizisten, welcher aber überlebt. Camenisch wird der Prozess in der Schweiz gemacht. Sein Verteidiger ist der Kommunist Bernard Rambert, auch er ein Held der Linken. Die linke Sympathie für den Mörder lässt auch mit den Jahren kaum nach, 2008 wird zum Beispiel das Auto von Regierungsrat Markus Notter in Dietikon angezündet.

Keine Reue
2015 kommt Camenisch frei, nach Jahrzehnten auf der Flucht und in Haft. Geläutert scheint er nicht zu sein. In einem Interview tönt er so: «Die Gesellschaft ist im Krieg, und der bewaffnete Kampf ist ein bewusstes Mittel.» Geläutert ist auch sein Biograf, der Ex-SRF-Journalist Brandenberger, nicht: Er nennt den Mörder unverdrossen einen «politischen Gefangenen».

Hermann Lei