1.9.19 In Deutsch-Ostafrika

19_15_Schweizerzeit_PDF Ostafrika

 

Koloniale Spuren unter Afrikas Sonne

von Hermann Lei, Kantonsrat, Frauenfeld

 

Deutsch-Ostafrika war von 1885 bis 1919 eine deutsche Kolonie auf dem Gebiet der heutigen Staaten Tansania, Burundi, Ruanda und Teilen von Mosambik. Zwei Wörter sind aus der Kolonialzeit geblieben.

 

1884 auf der Kongokonferenz in Berlin teilen die europäischen Kolonialmächte Afrika wie einen Kuchen auf. Dem Deutschen Reich gehören nach der Konferenz Togo, Kamerun, Deutsch-Südwest und Deutsch-Ostafrika an.

 

Carl Peters – Begründer der Kolonie Deutsch-Ostafrika

Carl Peters, ein Deutscher Pfarrerssohn, reist im selben Jahr 1884 auf eigene Faust nach Afrika. Er möchte ein Kolonialreich errichten. Einen offiziellen Auftrag hat er nicht. Die Afrikaner denken, Peters sei ihr Freund. Er verspricht Schutz vor Feinden. Sie verstehen nicht, dass sie dadurch ihr Land dauerhaft verlieren. Für billige Geschenke und nach reichlich Alkohol setzen die Häuptlinge meist drei Kreuze unter die Verträge. Wegen seinen Übergriffen nennt man Peters in Deutschland Hänge-Peters. 1897 wird er unehrenhaft aus dem Kolonialdienst entlassen.

Abbildung 1 Von Unbekannt – Bildarchiv der Deutschen Kolonialgesellschaft

 

Höchster Berg Deutschlands: Kilimandscharo

1885 wird Deutsch-Ostafrika deutsches Schutzgebiet mit dem Verwaltungszentrum in Daressalam. Es ist fast doppelt so gross wie das Deutsche Reich. Der Kilimandscharo ist damals der höchste Berg des deutschen Reichs und heisst Kaiser-Wilhelm-Spitze. Deutsche Kolonialbeamte und Missionare sollen Ostafrika wirtschaftlich erschliessen. Das Leben für diese ist aber hart und viele sterben an Malaria, Gelbfieber oder Schlafkrankheit. Die Kolonialherren sind streng, der Lohn niedrig und oftmals kriegen die Afrikaner die Peitsche zu spüren. Im Reich ist die Prügelstrafe zwar längst verboten, man ist aber der Meinung, für die Kolonien sei sie gut geeignet.

 

Wunderwasser gegen Kugeln

Das rabiate Kolonialsystem und die Ausschaltung der einheimischen Wirtschaft einen die Eingeborenen: Zwischen 1905 und 1907 tun sich mehr als 12 zerstrittene Völker zusammen. Es kommt zum berühmten Maji-Maji-Aufstand (nach dem Swahili-Begriff für „Wasser“) in Mahengeda: da die Afrikaner nur mit Macheten ausgerüstet sind trinken sie ein von Zauberern zubereitetes Wunderwasser, das sie gegen die Kugeln der Deutschen schützen soll. Aber die Deutschen haben ein wirksameres Wunderwasser: es kühlt ihre Maschinengewehre und bringt ihnen den Sieg. Trotz grosser Opfer in den Aufständen kämpfen später viele Afrikaner im Ersten Weltkrieg auf der Seite des Kaisers und nicht der Briten. Der 1. Weltkrieg ist dann das Ende des Kolonialabenteuers. Belgien und England sind die späteren Herrscher über Ostafrika. Der Kilimanjaro heisst neu Freiheitsspitze. Seit 1961 ist das heutige Tansania unabhängig.

 

Gemeinsame Verständigung dank den Deutschen

Dank den Deutschen gibt es in Ostafrika Krankenhäuser, eine Infrastruktur, ein Bildungssystem und die Landwirtschaft. Zudem errichteten sie Plantagen und prächtige Kolonialgebäude, z.B. auf der Kaiserallee in Daressalam, von denen die meisten heute denkmalgeschützt sind. Es sind die ältesten Gebäude in der Region. Heute noch sind die Bahnstrecken der Central Line von Dar nach Kigoma und die Tanga Line im Norden von Tanga nach Arusha in Betrieb. Am meisten dankbar ist man den Deutschen für die Einführung der Landessprache. Die Deutschen untersuchten das Kisuaheli und gaben ihr eine Grammatik. Durch die konsequente Verwendung als Verwaltungs- und Amtssprache und in den Schulen setzte sich diese Sprache gegen fast 100 andere durch. Nicht umsonst sagt man sich in Afrika, man solle so stark wie die Deutschen werden. Die Deutschen werden heute noch als fleissig und effizient, aber auch als rassistisch angesehen. Zwei Wörter sind in Tansania aus der Kolonialzeit geblieben – das Wort Shule (ohne C) und das Wort Schwein.

Die Auseinandersetzung mit der Kolonialvergangenheit spielt in Tansania eine weitaus geringere Rolle als in Namibia, dem früheren Deutsch-Südwestafrika. Doch das könnte sich schnell ändern: Sollte es in Namibia gelingen, Deutschland zu Reparationen zu zwingen, könnten viele weitere Fälle aus der Kolonialzeit akut werden.

Hermann Lei