1.10.2020 Auf dem Weg zur Guerilla-Armee?

Schweizer Armee einst und jetzt

201001 SZ Lei Armee Guerilla

von Hermann Lei, Kantonsrat, Frauenfeld

 

«Die Schweiz hat keine Armee, sie ist eine Armee.» So lautete einst ein stolzes Bonmot. Davon ist heute kaum mehr etwas übrig. Kommt nun die Guerilla-Armee?

 

In der «Armee 61» mit ihrem Sollbestand von 625’000 Soldaten wurde das kriegsmässige Einrücken regelmässig geübt. Das Gelände war zudem ab Landesgrenze mit permanenten Sprengobjekten und mit Feuer aus zahlreichen Bunkerstellungen optimal verstärkt. Am Ende des kalten Krieges war die «Armee 61» mit zahlreichen modernen Waffensystemen gerüstet.

 

«Armee 95»

Als Reaktion auf die geänderte Weltlage setze allerdings eine Verzwergung der Armee ein, die bis heute anhält. Die «Armee 95» war mit ihrem personellen Bestand von 400’000 AdA aber noch immer befähigt, unser Staatsgebiet glaubhaft zu verteidigen, z.B. bestanden drei kampfstarke mechanisierte Divisionen mit je über 14’000 AdA. Die Mobilmachungsplätze waren zwar reduziert, die rasche Mobilmachung aber immer noch gewährleistet, Alarmformationen innert Stunden einsatzbereit und die permanenten Sprengobjekte noch zahlreich vorhanden.

 

«Armee XXI»

Die 176 Füsilier- und Schützenbataillone wurden in der «Armee XXI» auf 27 Infanteriebataillone reduziert. Die «Armee XXI» umfasste nur noch 140’000 voll ausgerüstete aktive und 80’000 Mann Reserve. Die Mobilmachung wurde abgeschafft, die hohe Autonomie zu Gunsten eines interoperablen Logistiksystems ersetzt und es wurden Durchdiener eingeführt. Ziel war, die Milizarmee zu einer modernen Hightecharmee umzubauen. Um die erkannten Mängel zu beheben folgte aber schon bald die nächste Armeereorganisation: die Weiterentwicklung der Armee, kurz «WEA».

 

«WEA»

Einer der Kernpunkte der «WEA» war die Wiedereinführung der Mobilmachung. Die Ausbildung kehrte zum bewährten Prinzip, dass jeder angehende Unteroffizier und jeder Leutnant «von der Pike auf» Dienst leistet und seinen Grad abverdient, zurück. Die Anzahl der Infanteriebataillone wurde aber von 27 auf 17 reduziert. Der Sollbestand beträgt nunmehr 100’000 Militärangehörige und das Budget 5 Milliarden Franken. Ein Problem sind die «Abschleicher» zum angenehmeren Zivildienst. Die Luftwaffe verfügt noch über 30 Kampfflugzeuge F/A-18, die Durchhaltefähigkeit der Luftverteidigung besteht heute bei weniger als 2 Wochen, Feindeinwirkung noch nicht eingerechnet.

 

Preisgabe des Landes?

Derweil die Ausgaben des Bundes in den letzten 25 Jahren um 63.8% angestiegen sind geben wir für unsere Landesverteidigung 15.6% weniger aus. Das Armeebudget liegt mittlerweile nur noch leicht über den Ausgaben für «Sozialkleinkram» wie die individuelle Prämienverbilligung. Und so hat sich bei der Armee ein Investitionsrückstand in der Höhe von 20 Milliarden aufgebaut, Waffen und Ausrüstung sind grösstenteils veraltet, eine eigenständige schweizerische Rüstungsindustrie gibt es kaum mehr. Der Bundesrat will die Armee künftig auf ein «hybrides Konfliktumfeld» ausrichten. Dabei besteht aber die Gefahr, dass das Gros der Rumpfarmee zu etwas muskulöseren Polizeikräften mutiert und die schweren Kampfelemente weiter ausgedünnt werden. Im besten Fall entsteht daraus eine Art von Guerillaarmee mit ein paar tausend für diesen Einsatz geschulten und einsatzbereiten Armeeangehörigen. Dies bedeutet allerdings die Abkehr von einer eigenständigen Verteidigung und die schutzlose Preisgabe unseres Landes.

Hermann Lei